Rohstoffquelle Abwasser oder: Das ambivalente Verhältnis des Menschen zu seiner Notdurft – Martin Denecke

Das Verhältnis des Menschen zu seinen Ausscheidungen ist seit Jeher ambivalent. Der Biologie, Ingenieur und Wasserwissenschaftler Martin Denecke deckt die historischen Hintergründe dieses Verhältnisses im Spannungsfeld zwischen Hygiene/Entsorgung und Rohstoffgewinnung auf. Diese beiden Pole spiegeln sich ingenieurswissenschaftlich in der Debatte „Schwemmkanalisation vs. Trockenabort“. Im Nachklang der Entdeckungen von Robert Koch und Max von Pettenkofer im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die die Konzentration von Krankheitserregern in menschlichen Ausscheidungen nachweisen, gewinnt in der westlichen Welt die Schwemmkanalisation die Überhand, bei der Fäkalien verdünnt und in die Kläranlage geleitet werden. In Religion und Brauchtum jenseits des Christentums ist das Verhältnis zu Kot und Urin allerdings nicht immer ein so ablehnendes gewesen. Der Uringebrauch der Berserker via „Fliegenpilzrecycling“ oder der Konsum des Urins heiliger Kühe im Hinduismus sind hierfür nur zwei Beispiele. Im alten Rom mischt sich das religiöse Interesse an Ausscheidungen mit dem wirtschaftlichen, die Göttin „Cloacina“ wacht über die wichtigste Abwasserleitung und Urin wird gesammelt, um die Gerbereien damit zu versorgen (der Kaiser Vespasian zugeschriebene Ausspruch „pecunia non olet“ bezieht sich darauf). Neben der weniger bekannten Nutzung von Harnstoffen (unter anderem auch zur Herstellung von Schießpulver) steht der allseits bekannte Wert von Kot als Dünger. Die Schwemmkanalisation, die die Hygiene in den Städten wesentlich verbessert, macht zum einen diese Nutzung unmöglich, zum anderen verlagert sie das Problem anfangs lediglich in die Gewässer. Für die bakterielle Zersetzung der Schadstoffe im Abwasser ist zudem die starke Verdünnung der Ausscheidungen abträglich. Der Einfluss der Abwasserpolitik auf Fließgewässer lässt sich sehr gut an der Emscher im Ruhrgebiet nachvollziehen. Um 1900 verschlechtert sich die Wasserqualität, verstärkt durch Bergbauabwässer, so stark, dass stellenweise Typhus, Cholera und Malaria ausbrechen. Der Verschlammung der Gewässer kann nur durch die Bildung von Wasserverbänden im Ruhrgebiet Einhalt geboten werden. Die Klärung und später die Renaturierung der Emscher werden in dieser Zeit angegangen. Der Punkt der Wertstoffgewinnung vor Ort wird derzeit durch die Forschung an ECOSAN (ecological sanitation) wieder aufgegriffen, bei der Wertstoffe direkt im Haushalt herausgefiltert werden. Die bestehende Schwemmkanalisation, bei der Wertstoffe aus dem Klärschlamm gewonnen werden (was etwa im Fall von Phosphor auch hervorragend funktioniert), ist damit allerdings schlecht vereinbar, so ist man auf Pilotprojekte angewiesen.
Phosphor als Nährstoff für Pflanzen wird weiterhin alternativlos bleiben.

Während in der Vergangenheit die hygienischen Gesichtspunkte der Entsorgung im Vordergrund standen, könnten die derzeit in Entwicklung und Erprobung begriffenen Verfahren das Gleichgewicht zwischen Hygiene und Wertstoffnutzung in der Abwasserwirtschaft wieder herstellen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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